Projekte


Leopold Ranke (1877)

Ranke's Blindness (Buchprojekt)

In meinem aktuellen Buchprojekt schreibe ich eine Geschichte eines “gewöhnlichen Historikers”, wie ihn sein Kollege an der Berliner Universität der Philosoph G.W.F. Hegel bezeichnete. Dabei handelt es sich um niemand geringeren als Leopold Ranke, der diesseits und jenseits des Atlantiks als eine der Gründungsfiguren der modernen Geschichtswissenschaft gilt. Bis heute werden Ranke grundlegende methodische Neuerungen und fest etablierte historische Argumentationsfiguren zugeschrieben.

In der Tradition einer historischen Epistemologie der Geisteswissenschaften versuche ich grundlegende Fragen nach den Bedingungen und Möglichkeiten von Erkenntnis aufgrund konkreter mikrohistorischer Studien zu beantworten. Dementsprechend folge ich Ranke durch den Alltag seines Arbeitslebens und zeige anhand von veröffentlichtem und unveröffentlichtem Archivmaterial, wie sich aus der Praxis der historischen Arbeit eine spontane Theorie der Geschichte abhebt. Dabei liegt mir daran, zu Zeiten, wie die konkrete intellektuelle Arbeit und die Vorstellungen von Geschichte weit über die Einzelperson hinausreichen. Gelegentlich geben sie selbst Aufschluss darüber, wie unser Verständnis vom Verhältnis zur Vergangenheit als Geschichte fundamentale Einsichten in die Charakterisierung von Kultur und Gesellschaft erlauben. So zeigt sich in der Tradition der Mentalitätengeschichte etwa welche Empfindungen, Vorstellungen und Denkweisen der offizielle Historiker des Preussischen Staats  mit dem letzten Untertanen des Königs teilt.

Im Zentrum meines Interesses steht Rankes Spätwerk an einer Weltgeschichte. Dabei verfolge ich wie der beinahe erblindete Erfinder der kritischen Methode über fast zwei Jahrzehnte mit den Händen und Augen seiner Amanuensen arbeitete. Diese Konstellation erlaubt es Fragen nach dem Charakter intellektueller Aktivität als historischer Arbeit, nach dem intellektuellen Kredit für anonym zirkulierende Praktiken oder der Herstellung von Autorschaft zu stellen. So wird deutlich, welche Medien die Vorstellungen von Geschichte und Geschichtswissenschaft im Zeitalter des Historismus geprägt haben und wie historische Arbeit als mediale Konstellation verstanden werden kann, als “intellectual form”, wie es Johan Huizinga formulierte, “with the power to fill our imagination”. Nicht zuletzt beschäftigt mich die Frage, wie diese Geschichte eines hegemonialen Denkens über die Vergangenheit und die kulturelle Tatsache der Vorstellung an einen historischen Sinn so dargestellt werden muss, um damit einen Beitrag zu einer historischen Anthropologie von im Entstehen befindlicher Rationalitäten zu leisten und damit zu zeigen, wie ein Geschichtlichkeitsregime als eine Provinz historischen Wissens aus sich selbst heraus zum Einsturz gebracht werden kann.