sozarchv

Kontakt

Subalterne Mimesis

Rekursive Verfahren in Literatur, Lektorat und anderen Medien 
Das Projekt „Subalterne Mimesis“ widmet sich kollaborativen Formen des Schreibens. Anhand von Untersuchungen zur Zusammenarbeit von Autoren und Lektoren einerseits sowie von Autoren und ihrer Schreibsoftware andererseits gilt es den Anteil der ‚unsichtbaren‘ Akteure innerhalb des Schreibprozesses herauszuarbeiten. Dabei geht es uns zum einen darum, jene literarischen Szenen und Motive zu analysieren, die Aufschluss geben über den Schaffensprozess und die daran beteiligten Akteure. Zum anderen wird danach gefragt, wie die Relation von Autor und Lektor/Schreibsoftware den literarischen Schreibprozess prägt und zu medien- und literaturwissenschaftlich aufschlussreichen Effekten führt.Ein erster Fokus des Projekts liegt dabei auf der Literatur der Moderne, namentlich auf den Autor-Lektor-Konstellationen Robert Walser und Christian Morgenstern sowie Rainer Maria Rilke und F.A. Hünich. Ein zweiter Fokus liegt auf den informatischen Akteuren der Gegenwart, welche – wie etwa die Rechtschreibüberprüfung (AutoCorrect) oder die Thesaurus-Funktion in Schreibsoftware wie OpenOffice etc. – die Literaturproduktion auf spezifische Weise prägen. Mit Hilfe eines erweiterten Begriffs von »Assistenzsystemen« wird insbesondere das Wechselspiel zwischen Mensch und Maschine im Akt des Schreibens untersucht. Das Ziel der Untersuchung besteht darin, eine Denkfigur von mimetischen Handlungen zu formulieren, die das Verhältnis zwischen Vorbild und Abbild im literarischen Schaffensprozess neu justiert. Diese Figur der subalternen Mimesis wird insbesondere aus dem Konzept der Rekursion gewonnen.

Algorithmische Mimesis: Sequenzielle und konnektionistische Paradigmen generativen Schreibens

(Hannes Bajohr)

Das Forschungsprojekt widmet sich der Geschichte und Systematik digitaler Literatur. Darunter wird hier im engeren Sinne jene vor allem experimentelle Gattung verstanden, die ihre Texte durch formalisierte Algorithmen mittels Computern hervorbringt. Die Heuristik lässt sich hier bewusst von der allerjüngsten technischen Entwicklung lenken – der Tatsache nämlich, dass seit etwa 2012 ein neues Paradigma in die textgenerative Praxis Einzug hält, das in grösstmöglichem Kontrast zu ihren Vorgängertechniken steht: künstliche neuronale Netze (KKNs). War die bisherige digitale Literatur vor allem durch lineare, deterministische, Schritt für Schritt ablaufende Algorithmen geprägt, stehen KNNs in ihrem parallelen Aufbau, ihrer statistischen statt deterministischen sowie «quasi-analogen» (Andreas Sudmann) Funktionsweise dazu in einem radikalen Gegensatz.

Diese Unterscheidung zwischen sequenziellem und konnektionistischem Paradigma generativer Textproduktion will das Forschungsprojekt zur Grundlage nehmen. Einerseits lassen sich damit die medientheoretischen und textmateriellen Implikationen beschreiben, die allgemein für KNNs bestimmend sind. Andererseits kann man diese Zäsur auch innerhalb des Feldes der digitalen Literatur nachvollziehen und zur Historisierung und Systematisierung von Paradigmen digitaler Literatur und der Struktur der Mensch-Maschine-Interaktionen in ihr ansetzen. Überdies lässt sich aus der technischen Differenz auf eine Differenz der zugrundeliegenden Poetik zu schliessen.

Die Arbeitshypothese lautet, dass sequenzielles und konnektionistisches Paradigma auf unterschiedlichen Mimesis-Konzeptionen beruhen, die man mit Hans Blumenberg Konstruktion einerseits und imitatio naturae andererseits nennen kann: Zu beobachten ist ein Übergang vom Muster «Menschen ahmen menschliche Texte durch Maschinen nach» zum Muster «Maschinen ahmen menschliche Texte durch Maschinen unter menschlichen Massgaben nach». Zugleich aber wird diese interne Differenzierung digitaler Literatur extern, gegenüber konventionellem Schreiben, wiederum in einer beiden gemeinsamen algorithmischen Mimesis aufgehoben. Diese zeichnete sich vor allem in jener Geste der Distanznahme aus, die die generative Literatur seit ihren Anfängen betont hat und die in der blossen Formulierung von Regelschritten besteht, deren Ausführung dem Compiler oder Interpreter überlassen wird – Autoren generativer Literatur schreiben nicht, sondern lassen schreiben. Und dies ist bei KNNsweiterhin der Fall, wenn auch unter den Bedingungen der genannten Verschiebung. Algorithmische Mimesis beschreibt damit Differenz und Kontinuität im Feld der digitalen generativen Literatur.