Laufende Forschungsprojekte

Fortschreitender Akzeptanzverlust beim Zielpublikum - die Zukunft des Service public in der Schweiz auf dem Prüfstand. Nutzung und zukünftiger Bedarf an audiovisuellen Service public-Angeboten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz

Prof. Dr. Matthias Künzler (HTW Chur), Dr. Ulla Autenrieth, Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun (beide Universität Basel)

Doktorandin: Fiona Fehlmann

Die audiovisuellen Informations- und Unterhaltungsprogramme des öffentlichen Rundfunks galten in der Schweiz und in anderen Ländern bislang als Kern des “Service public”, welcher einen demokratie- und gesellschaftspolitisch relevanten Beitrag zur Information, Debatte, kulturellen Entfaltung und Integration zu leisten hatte. In beschränktem Mass weist der Schweizerische Gesetzgeber auch den konzessionierten lokal-regionalen Privatsendern einen solchen Leistungsauftrag zu.
Das Aufkommen unterschiedlicher Online-Medien und die damit einhergehende Veränderung des Mediennutzungsverhaltens besonders bei jüngeren Zielgruppen haben dazu geführt, dass breite Teile der Bevölkerung und der Politik das gebührenbasierte Finanzierungs- und das auf gesellschaftliche Partizipation und Integration angelegte Organisationsmodell des Service public in Frage stellen. Dieses Problem dürfte sich verschärfen, wenn es öffentlichen Rundfunkorganisationen und Privatsendern mit Leistungsauftrag nicht gelingt, ihr audiovisuelles Programmangebot zukünftig an die Bedürfnisse der jüngeren Zielgruppe, also der nachwachsenden Generation erfolgreich anzupassen.
Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt zum einen die Nutzungsmodalitäten, -präferenzen und Einstellungen der jüngeren Zielgruppen in Zeiten einer zunehmend online-, mobil- und nichtlinear geprägten Medienwelt. Zum anderen wird analysiert, welche bestehenden und neue entwickelten Formate das Potenzial als demokratierelevante audiovisuelle Programminnovationen bieten, die an das neue Nutzungsverhalten des jüngeren Publikums angepasst sind und bei ihm auf Akzeptanz stossen.
Solche innovativen audiovisuellen Formate bedingen oft andere Produktionsprozesse. Folglich stellt sich die Frage, welche veränderten Organisationsformen und Arbeitsabläufe zu deren Umsetzung benötigt werden. Aus den gewonnenen Erkenntnissen sollen Vorschläge für die Transformation von öffentlichen und privaten Medienorganisationen entwickelt werden, die einen publizistischen Leistungsauftrag erfüllen wollen, sollen oder müssen.
Zur Umsetzung dieses Forschungsvorhabens ist ein mehrstufiges Verfahren geplant:
1.) Analyse des (audiovisuellen) Mediennutzungsverhaltens auf Grundlage einer Sekundäranalyse vorliegender Nutzungsdaten sowie einer repräsentativen, quantitativen Befragung zur a) (audiovisuellen) Mediennutzung und b) Einstellung gegenüber Service public-Angeboten der Altersgruppe 14-35 zur Neuerhebung bislang nicht systematisch und vertieft verfügbarer Nutzungsmodalitäten;
2.) Analyse von innovativen demokratierelevanten audiovisuellen Formaten (Best-practice-Beispiele) und den damit verbundenen Strategien, Organisationsformen und Produktionsprozessen bei öffentlichen und privaten Rundfunkunternehmen im In- und Ausland (SRG; gebührenfinanzierte Lokal-Regionalsender; ausländische öffentliche und private Sender in Europa);
3.) Durchführung von Diskussionen mit jüngeren Personen (Alter 14-35 Jahre) zur Validierung der Umfrage und Erhebung der Einstellungen und Präferenzen junger Zielgruppen gegenüber dem öffentlichen Rundfunk;
4.) Erarbeitung von Vorschlägen zur Transformation des öffentlichen Rundfunks und privater Rundfunkangebote mit publizistischer Zielsetzung für die Zukunft auf Grundlage der erhobenen Daten. Dies beinhaltet auch eine externe Validierung der Vorschläge in  Roundtables mit in- und ausländischen Experten;
5.) Theoretisch fundierte Weiterführung der in der Öffentlichkeit geführten Debatte.
Zur Bedeutung und Aktualität des Projekts: Die Analyse der Publikumsbedürfnisse junger Zielgruppen erlaubt es, das “Mindset” der für öffentliche Rundfunkorganisationen und private Rundfunkorganisationen mit Service-public-Angeboten zunehmend schwieriger zu erreichenden ‘jungen’ Generation auf empirischer Basis zu untersuchen. In Kombination mit der Analyse demokratierelevanter audiovisueller Formate lässt sich aufzeigen, woran es dem audiovisuellen Angebot des öffentlichen Rundfunks gegenüber neuen Online-Angeboten wie YouTube, YouNow, rocketbeans.tv oder privater TV-Anbieter mangelt und welche Möglichkeiten es gäbe, solche neuen Formen bei der SRG SSR oder weiteren Anbietern mit Leistungsauftrag zu integrieren und insbesondere dem öffentlichen Rundfunk seine bislang wesentliche Rolle für die demokratische Gesellschaft zu erhalten. Im Jahr 2018 wird es aufgrund der voraussichtlich durchgeführten Abstimmung zur Abschaffung der Rundfunk-/Haushaltsgebühr (No-Billag-Abstimmung) zu einer Intensivierung der politischen Debatte über die Zukunft des Service public in der Schweiz kommen. Das Projekt leistet einen substantiellen Beitrag der Aufklärung in der zu erwartenden medienpolitischen Debatte.

Homepage Projekt: zukunftservicepublic.ch

Entwicklung und Evaluation einer Web-Applikation zur Analyse von audiovisuellen Medienangeboten im schulischen Musikunterricht

Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun, Dr. Daniel Klug, Dr. Elke Schlote

Die gegenwärtig fortschreitende Digitalisierung der gesellschaftlichen Kommunikation hat für die Lehr-Lern-Interaktion in Bildungseinrichtungen zur Folge, dass für zahlreiche Ausbildungsbereiche und Aufgabenstellungen computergestützte Auswertungsprogramme entwickelt und in entsprechende Handlungsfelder implementiert wurden, so z.B. für Interview-/Textanalysen das Softwareprogramm ATLAS.ti oder für Bewegtbildanalysen das Programm Feldpartitur. Die Web-Applikation trAVis stellt ein computergestütztes Transkriptionsprogramm dar, welches neben den Komponenten Text und Bild die für audiovisuelle Medienangebote tragende Komponente Ton adäquat berücksichtigt. Diese Web-Applikation zur integrativen Bild-Text-Ton-Transkription und -Analyse wurde an der Universität Basel primär für den universitären Anwendungsbereich entwickelt und kommt seitdem vornehmlich in eben diesem erfolgreich zur Anwendung. Rückmeldungen aus dem der Universität/Hochschule vorgelagerten Bildungssektor der Gymnasialstufe zeigen, dass für den schulischen Kontext, hier bspw. Musikunterricht und Ästhetische Erziehung, ein entsprechend passendes computergestütztes Analyseprogramm bislang fehlt. Dadurch bleibt für schulische Einrichtungen ein entscheidendes Potenzial digitaler Werkzeuge, ein konstruktives, unmittelbares aufeinander beziehen von Bild, Text und Ton zu ermöglichen, ungenutzt. Diesen Mangel gilt es zu beheben, da integrative Analysen audiovisueller Medienangebote künftig auch als eigenständige Kulturtechnik in das Zentrum der schulischen Lehre rücken werden. Dies macht es erforderlich, für Untersuchungen audiovisueller Medienprodukte entsprechende didaktische Instrumente zur Verfügung zu stellen, mit denen auch im Rahmen des Schweizerischen Lehrplans 21 durch die Verbesserung der (interaktiven) Lehrmittelsituation die Medienkompetenz der SchülerInnen gefördert wird. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, in Kooperation von Universität und Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW)/Hochschule für Musik (beide Basel) sowie im interdisziplinären Zusammenwirken von Medienpädagogik und Musikpädagogik ein solches, digital gestütztes Analyseprogramm für die und in Abstimmung mit der Schulpraxis (Fokus: Musikunterricht) zu entwickeln, zu erproben und evaluativ zu optimieren. Nach Projektende steht – so das Ziel – den fokussierten Schultypen ein passgenaues, partizipativ gestaltetes und gestaltbares computergestütztes Instrument zur Analyse von audiovisuellen Medienangeboten kostenneutral (Open Source) zur Verfügung. Der Forschungsplan sieht folgende sechs Forschungsmodule vor (s. 2.3.): 1. Bedarfsanalyse (computergestütztes Auswertungsinstrument für AV-Analysen im schulischen Musikunterricht), 2. Technische Entwicklung der α-Version von trAVis-school, 3. Interventionsstudie (partizipative Überarbeitung der α-Version mit LehrerInnen), 4. Implementationsstudie/Eva-luation (Verwendung von trAVis-school im schulischen Musikunterricht), 5. Produktoptimierung zur Fertigstellung der β-Version von trAVis-school, 6. Ergebnisgeneralisierung und Forschungsbericht. Im Kern wird ein Design-Based Research Ansatz verfolgt, da die Interaktionsprozesse der Akteure analysiert und über subjektive Bewertungen des Angebots Verbesserungsmassnahmen abgeleitet werden sollen, so dass eine kontextsensitive Verknüpfung von Entwicklung und Erforschung eines innovativen Lernszenarios ermöglicht wird. Die am Fallbeispiel der Entwicklung, Implementation und Evaluation von trAVis-school gewonnenen Erkenntnisse werden schliesslich für die grundlagentheoretisch relevanten Aspekte der aktuellen Diskussion v.a. in den Bereichen von E-Learning und allgemeiner Lehr-Lern-Didaktik im schulischen (Musik-)Unterricht fruchtbar gemacht. – Das Forschungsteam wird von einem interdisziplinär besetzten Sounding Board unterstützt.

Homepage Projekt: https://populaerkultur.unibas.ch/home/av-analyse/travis-school/

Homepage Web-Applikation TRAVIS GO: http://travis-go.org/

Afterimages of Revolution and War. Trauma- and Memoryscapes in the Postrevolutionary Iranian Cinema (Prof. Dr. Ute Holl, Dr. Matthias Wittman)

The research project Afterimages of Revolution and War will explore trauma- and memoryscapes of the post-revolutionary Iranian Cinema – a cinema that has regenerated and reshaped its forms of remembering against the backdrop of the Islamic Revolution’s iconoclastic storm (1979) and the subsequent eight years of war (1980-1988). Iranian cinema’s unique forms of temporal and spatial articulations, its stylistic formations and dynamics call for a closer analysis of the complex relationship between historical time and time of remembering as determined by censorship.Taking Iranian Cinema as an invitation to enter into dialogue with filmmakers, film scholars and researchers in the fields of Cultural and Middle Eastern Studies, the project aims at developing a topology of cinematic forms of remembering, including the concept of screen memory (Deckerinnerung) as both an analytical tool and a structural condition. By adopting the notion of the afterimage, the project receives a trauma theoretical framework. To capture bidirectional time structures, we will rely upon the procedure of telescopage, a term coined by Walter Benjamin to describe compression and conflation of present and past. Based on the exploration of a broader corpus of films and our own research work on filmic forms of memory the project’s objective is to elaborate theoretical, aesthetical and epistemological approaches that are suitable to engender an intercultural dialogue and cross-cultural entanglements.